Peyman Rahimi
Symptom
Dauer der Ausstellung:
11. 12. 2010 – 07. 01. 2011
Fotos: Stefan Thurmann
„Symptom“, abgeleitet von dem griechischen Wort „symptoma“ für „Zufall“, bezeichnet im Deutschen ein Anzeichen, ein äußeres Zeichen eines für sich allein nicht wahrnehmbaren, verborgenen Zustandes. Es verweist auf etwas, das für sich selbst genommen unsichtbar dem Menschen innewohnt. In dieser Referenzfunktion thematisiert es zugleich eine Kernfrage unseres Daseins: Ist das, was wir nicht sehen können, unwirklich – ist nur das real, was wir sehen können?
Die Werke Peyman Rahimis stellen die Frage nach Wirklichkeit und Realität. Was ist real? Was nicht? Woher können wir wissen, dass etwas, das wir nicht sehen, nicht existiert?
Die Wesen und Gegenstände, die Rahimis Werk, seine Malereien, Skulpturen und Installationen, bewohnen, sind alle- samt unwirklich. Ihre Heimat liegt jenseits der Welt, die wir mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen können. Der im Iran geborene und in Frankfurt am Main lebende Künstler zeigt Figuren, die sich auf dem Weg zwischen realer und irrealer Welt befinden. In ihrer Darstellung erinnern sie an Geister. Ihre Körper sind nicht fest umgrenzt son- dern sequentiell: Sie bestehen aus mehreren übereinander liegenden Schichten, die verschiedenen Dimensionen des Seins zu entsprechen scheinen. Nicht das Resultat einer Metamorphose sondern der Transformationsprozess selbst ist Bildinhalt.
Indem die Darstellung dieser Veränderung sich einer linearen Lesbarkeit verweigert, wird die Gleichwertigkeit ver- schiedener Daseinsstadien und der Zusammenhang zwischen realer und irrealer Welt betont und eingefordert. Peyman Rahimi stellt die Frage nach dem Wesen der Realität im Spannungsfeld zwischen wirklicher, mit physika- lischen Mitteln messbaren und mit den primären Sinnesorganen erfahrbaren Welt und der subjektiven Realität, die die Summe unserer Erfahrung, Eindrücke und Vorstellungen ist. Jeder erschafft seine eigene Realität und ist daher nicht an die Grenzen der Wirklichkeit gebunden. Die Traumwelt jenseits der Wirklichkeit, der dinglichen Welt, ist Teil der Realität des Einzelnen.
Es ist seit Anbeginn der Wunsch des Menschen, diese Traumwelt bzw. unwirkliche Welt zu erfassen und diese Erfah- rung in der Gemeinschaft zu teilen, d.h. aus der Subjektivität des Einzelnen in eine angenäherte Objektivität einer Gruppe zu überführen. Diese Annäherung wird über die Methode des Rituals zu erreichen versucht: Gleich ob religiöse Zeremonie, schwarze Magie, schamanische Ekstase - das Ritual signalisiert den Versuch, die Grenzen der menschli- chen Wahrnehmungsfähigkeit zu überschreiten und das Jenseitige hier auf Erden zu erfahren. Für den Außenstehen- den bleiben dabei die Erkenntnisse unsichtbar, für die Teilnehmer hingegen öffnen sich die Tore zu anderen Welten auf für sie sinnlich fassbare Weise. Bisher bestehende Grenzen werden durchbrochen. Das Raum-Zeit-Kontinuum löst sich auf; aus virtuellen Vorstellungen werden reale Topographien.
Diese rituelle Methode der Grenzüberschreitung übernimmt Peyman Rahimi in seiner Arbeit. Den Prozess seines künstlerischen Schaffens unterwirft er scheinbar dem Zufall. Die unwirkliche Welt nimmt Konturen an und wird in Räumlichkeit überführt. Ihre Existenz wird für den Betrachter erfahrbar. Die bildlichen Darstellungen sind Symptom, sichtbares Zeichen einer im verborgenen liegenden Welt. Das Ritual ist die Feier der neu gewonnenen Sehgewohnheit.
Oliver Köhler




















